Achtung: "Nebenwirkung" Zur "Handgreiflichkeit" in der Medizin

Viele Kollegen haben sich in den letzten Jahren der Akupunktur verschrieben. Das Bedürfnis nach einer risikoarmen Methode zur Therapie meist funktioneller Störungen steigt weiter.
Es hat aber auch einen überraschenden, erfreulichen Nebeneffekt. Bei der Suche nach Magen 36 oder Blase 18 werden Erinnerungen an Anatomiekurse vergangener Zeiten wach.

Wo ist nur die Lücke zwischen M.extensor digitorum longus und M.extensor hallucis longus und wo genau ist denn nur Th 9?
Lachen Sie nicht - staunen Sie: Als Akupunktur-Ausbilderin erlebe ich immer wieder, wie die Kollegen, angeregt durch das Aufsuchen der Punkte am Körper, aber auch am Ohr, auch wieder Interesse an sicht- und fühlbaren Veränderungen des Körpers entwickeln.Sie lernen so "en passant", daß eine einseitige Mydriasis (Erweiterung der Pupille) nicht unbedingt das akute Eingreifen eines Neurologen erforderlich macht, sondern ein Hinweis auf eine einseitige Veränderung der Sympathikusaktivität ist. Daß dies schon ein erster klinischer Hinweis auf eine gleichseitige Funktionsstörung sein kann, macht die Sache um so spannender. Auch, daß man zum Auffinden oder Bestätigen von Organstörungen mal eben die Metamer- Diagnostik anwenden kann, zeigt nicht nur den Zusammenhang zwischen "innen und außen", sondern ist auch Wegweiser zum Auffinden des richtigen Punktes für die Therapie.

Und dann die Punkte:
Wer hätte gedacht, daß sie so unterschiedlich druckschempfindlich sein können. Gerade ihre Druckschmerzhaftigkeit weist aber wiederum den Weg zur sinnvollen Therapie. Sie zeigt auch, daß man in der Akupunktur eben nicht mit 8 Punkten, erlernbar in 8 Stunden ( wie von einem findigen Akupunkturausbilder propagiert ) auskommen kann.
Auch die Feststellung, ob denn nun ein Schmerz mehr ventral (vorn), seitlich oder dorsal (hinten) ausstrahlt, erfordert eine genaue Befragung des Patienten und eine gründliche Untersuchung des Schmerzgebietes, die häufig im täglichen Praxistrott durch Röntgen, Ultraschall oder Szintigramm ersetzt wird. Hautpigmentierungen, Veränderungen des Subkutan (Unterhaut-) gewebes bekommen - und das nicht nur seit den Untersuchungen von Head - auch im Rahmen der akupunkturbezogenen Diagnostik einen neuen Stellenwert.

Nicht zuletzt sind es diese "Handgreiflichkeiten", die dem Patienten zeigen, daß jedes Detail seiner Symptomatik wieder wichtig geworden ist und auch, daß zwischen ihm und der apparativen Diagnostik ein sehendes und fühlendes "Element Arzt" an Bedeutung gewinnt.

Erfahrungsberichte von Patienten verdeutlichen die übliche Praxis: Es wird eher geröngt, gemessen und dann operiert als "angefaßt".

Ein Beispiel mag die Konsequenzen verdeutlichen:
Ein vitaler, aktiver Mittvierziger bekommt "über Nacht" Gefühlsstörungen des linken Kleinfingers, zunehmend auch des Ringfingers und des Unterarms mit nachfolgender Bewegungseinschränkung, die die Gebrauchsfähigkeit der linken Hand erheblich beeinträchtigt.
Beruflich sehr engagiert, unternimmt er ein Jahr lang nichts. Erst als die Symptomatik sich kontinuierlich ausweitet, sucht er seinen Arzt auf.
Die neurologische Untersuchung ergibt eine Einschränkung der Nervenleitgeschwindigkeit der Ulnarnerven. Aber auch die (noch) gesunde Seite zeigt bereits Veränderungen. Eine Freilegung des Nerven am Ellenbogen durch Operation wird empfohlen. Der Patient ist Privatpatient und es wird ein renommierter Operateur empfohlen. Der Patient fliegt zum Operationstermin. Der Spezialist ist wirklich Profi und stutzt beim Lesen des neurologischen Befunds. Bei beidseitigen Veränderungen erscheint auch ihm die einseitige Operation nicht sinnvoll. Er empfiehlt die Untersuchung der Halswirbelsäule.
Die wird aber nicht etwa mit den Händen untersucht, sondern per Computertomographie. Da ergibt sich der nächste Schock: die Nervenaustrittslöcher sind zum großen Teil eingeengt - die müsse man operativ aufmeißeln. Der Patient wird skeptisch - erst der Ellenbogen, jetzt die Halswirbelsäule? Keine leichte Entscheidung.
Der neue neurologische Befund zeigt eine Beeinträchtigung der Nerven auch im Bereich der Beine. Ob da die Aufmeißelung der Einengungen an der Halswirbelsäule wirklich sinnvoll ist?

Er stellt sich in meiner Praxis vor.

Die körperliche "handgreifliche" Untersuchung ergibt mehrere bewegungseingeschränkte Wirbelsäulensegmente, besonders im Bereich der Halswirbelsäule. Diese Bewegungseinschränkungen, die verspannte Muskulatur, ist nicht auf dem Röntgenbild darstellbar, die kann man "nur" ertasten. Sie ist aber erfahrungsgemäß durchaus in der Lage, Nervenbeeinträchtigungen zu provozieren.
Die aurikulomedizinische Untersuchung auf Störherde zeigt eine erhebliche Amalgamunverträglichkeit. Eine Füllung des Zahnes 37 ist noch da. Ich empfehle die Entfernung und mobilisiere einmalig die Wirbelsäule mittels Techniken aus der Chirotherapie.
Ohne weitere Therapie verschwindet die Symptomatik nach einigen Wochen, wie sie vor nun fast 2 Jahren gekommen ist, ebenfalls "über Nacht".

Die Konsequenz aus diesem, aber auch aus vielen andern Krankheitsverläufen:

Die schulmedizinische Diagnostik, wenn angezeigt, ist wichtig, die Befunde sind ernst zu nehmen.
Aber:
Die funktionellen Veränderungen wie Wirbelsäulenblockierungen, Muskelverspannungen und -verkürzungen sollten ebenfalls erkannt und zuerst behandelt werden. Erst dann wird klar, welche Einschränkungen wirklich auf die im Röntgenbild sichtbaren Veränderungen zurückzuführen sind.
Eine Operationsindikation kann dann neu überdacht werden nach dem Motto:

Erst "handgreiflich" werden - dann schneiden! (Eventuell)